• O.T. (links), Out of Control (rechts), Projektraum Viktor Bucher, 2022
  • Miss Balance (links), Bound Balance (rechts), Projektraum Viktor Bucher, 2022
  • Miss Balance
    Miss Balance
    , 2022, MDF,  Aluminium, Textil; 176 x 52  x 62 cm
  • O.T.
    O.T.
    , 2021, Tuschestift auf Papier, gerahmt, 42 x 32cm
  • Bound Balance
    Bound Balance
    , 2022, MDF,  Aluminium, Schaumgummi, 100 x 80 x 190 cm
  • O.T. (Born am Darß)
    O.T. (Born am Darß)
    , 2022, Fine Art Print auf Hahnemühle Papier, kaschiert und gerahmt
  • Sagging
    Sagging
    , 2021, Schamott lackiert; 40 x 95 x 9 cm
 
  • O.T. (links), Out of Control (rechts), Projektraum Viktor Bucher, 2022
  • Miss Balance (links), Bound Balance (rechts), Projektraum Viktor Bucher, 2022
  • Miss Balance
    Miss Balance
    , 2022, MDF,  Aluminium, Textil; 176 x 52  x 62 cm
  • O.T.
    O.T.
    , 2021, Tuschestift auf Papier, gerahmt, 42 x 32cm
  • Bound Balance
    Bound Balance
    , 2022, MDF,  Aluminium, Schaumgummi, 100 x 80 x 190 cm
  • O.T. (Born am Darß)
    O.T. (Born am Darß)
    , 2022, Fine Art Print auf Hahnemühle Papier, kaschiert und gerahmt
  • Sagging
    Sagging
    , 2021, Schamott lackiert; 40 x 95 x 9 cm
 
What could make me feel this way
, Projektraum Viktor Bucher, 2022[ Text einblenden ][ Text ausblenden ]
What could make me feel this way
Eröffnungsrede Silvie Aigner

Julie Hayward arbeitet mit Kunststoffen, Metall, Holzplatten und weichen Materialien wie Textil und Schaumstoff. Ihre charakteristische Formensprache hat die zeitgenössische Skulptur und Objektkunst in Österreich wesentlich mitgestaltet. Haywards künstlerische Praxis umfasst die Medien Skulptur, Zeichnung und Fotografie. Diese verbindet sie zuweilen zu „ungewöhnlichenen, technoid-surrealen Statements“, so der Kunsthistoriker Walter Seidel. Doch ist ihre Formfindung stets mit ihrem eigenen Erleben und der sensitiven, aufmerksamen Wahrnehmung ihrer Umwelt verbunden. Gekonnt spielt sie mit den unterschiedlichen haptischen und optischen Wahrnehmungen ihrer Skulpturen und mit den materialgebundenen Assoziationen.

Ebenso wichtig wie Material, Oberfläche und Farbigkeit ist ihr die Größe, das Maß ihrer Skulpturen. Dieses orientiert sich stets an ihre eigene körperliche Dimension. Der Bezug zur menschlichen Größe ist der Künstlerin wichtig, auch im Hinblick auf die Besucher:innen, die sich um die Skulpturen bewegen und sie dadurch räumlich und körperlich wahrnehmen, ja begreifen können.

Die in der Ausstellung im Fokus stehenden Fragen nach dem prekären Zustand unserer Gegenwart und dem fragilen Zustand der Balance sind immer wiederkehrende Themen im Werk der Künstlerin. Diese implizieren auch soziale Kodierungen, die damit verbunden sind, sowie Gefühle der Unsicherheit. Wie schnell dieses Gleichgewicht kippen kann, wird in den Skulpturen der Ausstellung manifest, ebenso die Anspannung die notwendig ist, um im Gleichgewicht zu bleiben. Haywards Skulpturen zeigen die vielschichtigen Gefühle von Verlorensein, von Zu-sich-Kommen, von Selbstentfremdung und der Begegnung mit dem Bekannten, das einem zuweilen jedoch auch wieder fremd und unheimlich vorkommen kann. Die Künstlerin entwirft eine Versuchsanordnung möglicher Beziehungsmodelle und hinterfragt in diesem Zusammenhang vor allem jene Prozesse, die notwendig sind, sich in Relation zur Umwelt beziehungsweise zur Gesellschaft oder auch zur eigenen Emotionalität im Gleichgewicht zu halten. Ihre Skulpturen zeigen auch, dass dieser Zustand, der Stabilität stets prekär ist und oft nur für einen kurzen Moment gehalten werden kann, bevor er diese Stabilität (Sicherheit) auch wieder in einen Zustand der Instabilität (Unsicherheit) kippt.

Der Ausstellungstitel „What could make me feel this way“ ist eine Frage, auf die Julie keine Antwort gibt. Manches, das erlebt wird, taucht aus dem Vergessenen auf und spült sich aus dem Unterbewusstsein wieder an die Oberfläche, oft dann, wenn man es gar nicht erwartet. Dieses Gefühl, das Erlebte visuell zu fassen, in eine Skulptur umsetzen ist das große Können von Julie Hayward. Sie finden ihren Weg aus der Zeichnung in die Dreidimensionalität, in eine konkrete Form.  

Ausgangspunkt der Objekte von Julie Hayward sind Zeichnung, welche in einer Art psychischer Automatismus entstehen, konkret sind es für die in der Galerie präsentierten Werke Tuschezeichnungen, die in den letzten beiden Jahren entstanden sind. Sie greifen, so die Künstlerin die momentane Grundstimmung auf, ohne jedoch tagesaktuelle Statements zu liefern oder ein Kommentar abzugeben. Ihre Zeichnungen sind nie Konstruktionszeichnungen, sondern ein Art Abbild, von dem, was – wie Katrin Bucher einmal schrieb, „zwar nicht logisch verstanden wird, jedoch in jedem Fragment körperlich direkt wiedererkannt wird.“ In unterschiedlichen Materialien werden daraus Objekte entwickelt, die bewusst zwiespältige Gefühle evozieren. Motive, Bilder oder Emotionen aus dem Bereich des Unterbewussten werden so zu einer konkreten Form. Die Skulpturen haben sowohl einen mechanischen als auch einen organischen Aspekt, erinnern zuweilen an Maschinen, die in Bewegung sind. Auf den ersten Blick scheinen sie fassbar – und doch bleibt etwas im Ungefähren. Dabei spielen jedoch in der Gestaltung auch Humor und Ironie eine gewisse Rolle.

„Jene Abgründigkeit, die sich in Haywards Skulpturen auftut, wird in Freud‘scher Manier mit einer psychischen Parallelwelt gleichgeschaltet, in der das Unheimliche mit Gefühlen des Alltags gekoppelt wird und sich humorvoll in einer künstlerisch verhandelten Formensprache wiederfindet.“ (Walter Seidl)

Die Ausstellung umfasst drei großformatige Skulpturen, weiters Zeichnungen, Modelle und Fotografien. Existenzielle Fragestellungen werden thematisiert, welche „einen skeptischen, wenn auch nicht vollkommen hoffnungslosen Blick auf prekäre Gegenwartsverhältnisse insinuieren.“ (Thomas Miessgang). Das Im-Gleichgewichtbleiben wird zu einem Balanceakt, welcher in den Objekten und der gesamten Installation ausgelotet wird.

Miss Balance, 2022, etwa sucht das Gleichgewicht auf kleinen Füßchen zu halten. Die Skulptur wirkt zugleich aufreizend wie auch verunsichernd. Der textile Teil des Objektes wirkt einerseits wie ein kokettes Röckchen andererseits wie ein Vorhang, hinter dem sich etwas verbirgt, was man nicht preisgeben möchte. Das neue Rollenbild der Frau stellt das der Kindheit in Frage. Die Entfremdung aus der Rolle von damals wird als Befreiung empfunden, nie in das aufgesetzte Rollenbild gepasst zu haben. Beim Zeichnen sind Erinnerungen an Missbrauch unter Gleichaltrigen hochgekommen. Die damalige Verletzlichkeit wird in der derzeitigen, allgegenwärtig geführten Debatte in einem neuen Licht gesehen. Die Figur zeigt auch das Zwitterhafte der Skulpturen von Julie Hayward, die sowohl technoid wie wesensartig figurativ sind.

Bound balance, 2022
Beschreibt ein durch die Umstände erforderliches, genau austariertes Gleichgewicht, das nur mit Kontrolle aufrechterhalten werden kann. Die Beweglichkeit wird dadurch sehr einschränkt. Jede Veränderung, jede Verlagerung des Gewichts, die Aufgabe der Kontrolle, kann das sensible Gleichgewicht zum Kippen bringen. Besonders bei dieser Skulptur wird das Zusammenspiel der Materialien von hart und weich, das für die künstlerische Arbeit von Julie Hayward charakteristisch ist, besonders deutlich.

Out of Controll, 2021
Hat man bei Bound Balance noch den Eindruck, man könnte die Balance halten, so zeigt die Skulptur „Out of Control“ jenen Moment, in dem die Kontrolle verloren geht. Das, was einem unter normalen Umständen Geborgenheit bietet, macht sich selbstständig und gerät in Bewegung. Der Boden unter den Füßen schwindet, der Teppich rollt sich ein, das Gleichgewicht kippt und holt aus .... Es ist eine Skulptur, die Bewegung suggeriert. Die Lasche rollt sich wieder ein, um in den Kontrollmodus zurückzukehren. Der tragende Körper richtet sich auf - und findet sich, da die Rundungen des Gestänges nur von dem Teppich in Balance gehalten werden wiederum in einem sehr fragilen Gleichgewicht.  


Julie Haywards Skulpturen sind stets an der Schnittstelle angesiedelt zwischen reiner Form, dem Abstrakten und möglicher figurativer Assoziationen. Sie behaupten sich auch sehr im Raum und fordern stets ihren Platz ein. Aber gerade dieses Bekenntnis zum formalen, objekthaften schafft genau diesen Bedeutungsraum für den Betrachter – denn letztlich beschreiben Julie Haywards Skulpturen kein Narrativ, sondern ein unbestimmtes, ja auch abstraktes Gefühl, das man oft erahnt, erfühlt, denkt aber nicht in Worte fassen kann und schon gar nicht ein Bild dafür hat. Sie erklärt nicht, sondern ermöglicht eine Betrachtung von außen.

Begleitet wird die Ausstellung durch eine Reihe von Fotografien, diese sind im Gegensatz zu ihren Zeichnungen und Skulpturen meist Fundstücke aus der Realität. Eine Serie davon sind die auf ausgedehnten Spaziergängen, so wie Julie Hayward sie bezeichnet: vorgefundenen Installationen und Objekte. Diese sind beiläufige Nebenprodukte zufällig oder bewusst angelegter Situationen, oder reine Zufallsprodukte der Natur. Es ist der Blick der Bildhauerin, der Sichtbarkeit erzeugt, schrieb die Kunsthistorikerin Margit Zuckriegl über die Fotoarbeiten von Julie Hayward und bezeichnete dieses „Sehen als einen kreativen Akt“. Ohne dieses Erkennen, dieses Heraussezieren aus einer amorphen, ungestalteten Umgebung wären diese Objekte der Unsichtbarkeit überantwortet geblieben.

Julie Hayward gibt uns eine Reihe von Gedankenschleifen mit auf den Weg, sie versucht uns wachzurütteln und uns gleichzeitig mit ihrer Kunst zu ermächtigen, unsere Gefühle der Unsicherheit zu benennen. Sie schafft Raum für Transformation. Haywards Skulpturen transportieren aber auch eine gewisse Haltung, emanzipatorisch, selbstbewusst und durchaus auch empathisch. Vielleicht sind sie auch, ein Apell uns gegenseitig zu stützen, um im Gleichgewicht bleiben zu können.